Im Alter noch ans Steuer?

Am Alter noch ans Steuer? Senioren verzichten ungern aufs Autofahren. Foto: Pixabay
Von Ulrike Luthmer-Lechner
Aufs Autofahren wollen die meisten Senioren nicht verzichten und setzen sich noch gerne hinters Lenkrad. Doch im Alter lassen körperliche Fähigkeiten und das Reaktionsvermögen unweigerlich nach. Die Polizei registriert immer mehr Verkehrsunfälle mit alten Menschen.
Die tägliche Autofahrt ins Dorf lässt sich Meinrad S, nicht nehmen, ebenso wenig den Sonntagsausflug mit seiner Frau in die Umgebung, Mit dem Auto natürlich. Der 76-Jährige aus einer Göppinger Umlandgemeinde fühlt sich noch rüstig und fit genug, um sein Heilix Blechle aus der Garage zu holen. Auch längere Strecken würde er noch fahren. Nur größere Städte würde er jetzt meiden, dort sei ihm dann doch zu viel Verkehr.
Autofahren im Alter? In Deutschland gibt es keine Altersgrenze für den Führerschein. Die Eigenverantwortung der Autofahrer ist gefragt. Auch wenn ältere Fahrzeuglenker oft als erfahrene und zuverlässige Verkehrsteilnehmer gelten, lassen körperliche Fähigkeiten und das Reaktionsvermögen im Alter unweigerlich nach. Thomas Hagel vom Polizeipräsidium Ulm kennt die Zahlen der Risikogruppe Senioren ab 65 Jahren.
„Die Anzahl der Verkehrsunfälle mit der Beteiligung der Generation 65 plus nahm im Gebiet des Polizeipräsidium Ulm 2024 im fünften Jahr in Folge erneut zu“, berichtet Thomas Hagel vom Polizeipräsidium Ulm. Vorfahrtsverletzungen, Fehler beim Ein-/ und Anfahren sowie falsches Abbiegen und Wenden seien die Hauptursachen. „Im Jahr 2024 starben bei 19 Unfällen Senioren, in sechs Fällen als Beifahrer“, so der Polizeisprecher.
Mobil zu sein bedeutet Unabhängigkeit und Lebensqualität, besonders im ländlichen Raum, wo es oft kaum eine Alternative zum Pkw bestehen. Gerade deshalb sei es wichtig, dieses hohe Gut zu erhalten.
Ältere Verkehrsteilnehmer sind aktiv als Fußgänger, Fahrradfahrer und Pkw-Lenker unterwegs. Ziel soll es sein, die Mobilität bis ins hohe Alter zu fördern und altersbedingte Schwächen möglichst zu kompensieren. Die Abnahme der sensorischen, kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeit können Auswirkungen auf die Fahrkompetenz haben. „Mit Tipps und Informationen möchte die Polizei sensibilisieren, die aktive und passive Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen und Unfälle zu vermeiden“, so Thomas Hagel.
In Kooperation mit der Landesverkehrswacht wird die Präventions-Kampagne „Sicher fit unterwegs“ angeboten. „Die Verkehrswachten sind ein wichtiger Partner für die Polizei zur Förderung der Verkehrssicherheit, -erziehung und -aufklärung“, so Thomas Hagel.
Allerdings sei das Angebot in den vergangenen Monaten beim Polizeipräsidium Ulm nicht angefragt worden. Die eigene Fahrfähigkeit regelmäßig selbstkritisch zu hinterfragen, Seh- und Reaktionsvermögen testen zu lassen, wer will sich schon mit diesem Thema befassen, wenn man doch schon jahrzehntelang schadenfrei mit seinem Heilix Blechle herumkurvt.
Was aber, wenn sich eine Demenz einschleicht? Abschied nehmen vom eigenen Auto, ein schwerer Schritt. Um sich guten Gewissens ans Steuer zu setzen, könnte ein Mobilitäts- oder Fahrfitness-Check, die von Fahrschulen, Dekra, dem ADAC und dem TÜV angeboten werden, helfen, das Gewissen zu beruhigen und Gefahren zu minimieren. Die Kosten für den Test belaufen sich auf rund einhundert Euro aufwärts.
Die 91-jährige Elisa aus dem Oberland: „Mit Blaulicht verfolgte mich die Polizei, weil mein Fahrverhalten auffällig war,“ berichtet sie. Einer Meldung ans Landratsamt folgte die Aufforderung zu einer über einstündigen Fahrprüfung. „Die habe ich bestanden“. Erst wenn sie im Kopf nicht mehr klar sei, könne sie einen Verzicht der Fahrerlaubnis akzeptieren.
Auch die 79-jährige Julia E. aus Göppingen haderte zunächst, bevor sie vorbildlich handelte. „Ich war immer selbstständig mit dem Auto unterwegs, aber wegen einer Verminderung meiner Sehfähigkeit habe ich mich vor Jahren entschlossen den Führerschein abzugeben“. Sie wolle sich und andere nicht gefährden und steigt seitdem in Bus und Bahn.
Fahren im Alter: So prüft Europa
In Deutschland gibt es aktuell keine Überprüfung der Verkehrstauglichkeit im Alter. In anderen Ländern Europas dagegen schon.
In Spanien muss ab einem Alter von 65 Jahren regelmäßig der Führerschein erneuert werden. Den gibt es erst dann, wenn eine umfangreiche medizinische Untersuchung durchgeführt wurde.
In Italien sind die Regelungen ebenfalls deutlich strenger als in Deutschland. Bereits ab 50 Jahren muss der Führerschein erneuert werden - im Alter von 70 Jahren sogar alle drei Jahre. Eine Gesundheitskontrolle ist teil der Erneuerung - unter anderem werden Herzerkrankungen und Sehschwächen genauer unter die Lupe genommen.
In Portugal müssen die Menschen, die das 50. Lebensjahr erreicht haben, zum Arzt: Nach einem Gesundheitscheck und einem psychologischen Test wird der Führerschein verlängert.
In Tschechien werden Führerscheinbesitzer ab dem 60. Lebensjahr alle fünf Jahre zu einem Fahrcheck gebeten, mit zunehmendem Alter verkürzen sich die Intervalle.
Im Dänemark müssen Senioren ab 75 Jahren ein ärztliches Gutachten erstellen lassen und mit zur Führerscheinstelle nehmen. Ab dem 80. Lebensjahr muss dies sogar jedes Jahr erfolgen.
Auch in Großbritannien werden über 70-Jährige bezüglich der Fahrtauglichkeit untersucht. Bei der Führerscheinverlängerung müssen sie einen Antrag abgeben, auf dem sie alle medizinischen Risiken notieren, die Einfluss auf das Fahrverhalten haben könnten.
In der Schweiz müssen Senioren mit Führerschein ab 70 zur „vertrauensärztlichen Kontrolluntersuchung“. Dort wird die Fahrtauglichkeit überprüft und danach erst der Führerschein verlängert.
In den Niederlanden müssen Autofahrer ab den 75. Lebensjahr sich alle fünf Jahre einer Überprüfung der Fahrtüchtigkeit unterziehen.
In Ungarn erhalten Autofahrer über 60 ihren Führerschein nicht mehr bis zu zehn, sondern nur für weitere drei, nach dem 70. Geburtstag für zwei Jahre verlängert.